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Sonntag, 10. April 2011

Eine salzige Geschichte

Die folgende Geschichte war ein Beitrag zu einem Wettbewerb auf pagewizz. Ich hätte ein iPad gewinnen können, war leider nix. Spaß gemacht hat's trotzdem!

Gerlinde Salzmann kocht

Gerlinde ächzt und stöhnt, als sie den schweren gusseisernen Topf vom Herd zur Arbeitsplatte trägt. Sie lüpft den Deckel und sieht in den Topf hinein, schnuppert, ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem runden Gesicht aus. Mit einem Zipfel ihrer karierten Schürze wischt sie sich den Schweiß von der Stirn, blonde Löckchen kringeln sich feucht im Nacken. „Dem Himmel sei Dank, das wäre geschafft“, murmelt sie und legt den Deckel wieder auf. Sie greift nach der Kaffeekanne. Mit der gefüllten Tasse und einer dicken Scheibe vom noch warmen, überbackenen Krabbenbrot, frisch aus dem Ofen, lässt sie sich am Tisch nieder und beißt ein gewaltiges Stück ab. In Gedanken geht sie ihren Arbeitsplan für den Tag noch einmal durch. Bereits am Abend vorher hat sie Gräten, Flossen und Fischköpfe mit Wasser und Gewürzen aufgesetzt und das Ganze über Nacht leise köcheln lassen. Frühmorgens hat sie kleingeschnittenes Wurzelgemüse dazu gegeben und safrangelbes Salz. Der Fischfond ist ihr wunderbar gelungen, da ist sie ganz sicher. Er bildet die Grundlage für ihre berühmte Bouillabaisse.

Heute ist DER Tag des Jahres für sie, besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Heute ist Karfreitag, und Gerlinde kocht, schmort, dünstet, brät und grillt Fisch. Fisch in allen Variationen, die Bouillabaisse ist erst der Auftakt. Sie beißt noch einmal vom Krabbenbrot ab und spült mit einem Schluck Kaffee nach. Heute ist auch der Tag, an dem sie zum ersten Mal ihre Gäste mit buntem Salz überraschen wird. Sie hat es vor ein paar Wochen erst entdeckt. Beim Surfen im Internet stieß sie auf eine Webseite, die farbiges Salz zum Kochen und Garnieren anbot, Salz in verführerischen Farben, Salz in leuchtenden Tönen. Angeblich sollte man die Farben sogar schmecken können. Gerlinde war skeptisch, ob das stimmte, aber sie war auch neugierig. Gerlinde bestellte. Gerlinde probierte. Gerlinde schmeckte Farben – ja, es war kein Werbegag, es war und ist die Wahrheit! Und Gerlinde war und ist begeistert.

Nach der Fischsuppe wird sie einen Meeresfrüchtesalat servieren, angerichtet auf einem Bett aus grünen Spargelspitzen, gewürzt mit smaragdgrünem Salz. Dann eine Lasagne, gefüllt mit Lachs, Spinat und rosa Pfeffersalz ... Forelle Müllerin mit Petersilienkartoffeln und Bärlauchsoufflé, mit einem Hauch von zartgrünem Limonensalz ... Zeit für einen leichten Zwischengang, Hechtklößchen, aufgewertet mit silbergrauem Edelsalz aus der Normandie, mit Rote-Bete-Carpaccio (Gerlinde vermerkt im Geiste, dass das weinrote Salz zur Neige geht).

Gerlinde seufzt. Wie trostlos war die Zeit, als sie sich auf Speisesalz, Meersalz und Fleur de Sel beschränken musste! Jetzt, mit den vielen bunten Salzsorten, würde sie sich endlich ihren ersten Stern erkochen. Und dann vielleicht sogar im Fernsehen auftreten. Eine eigene Kochshow haben. Den Titel hatte sie schon im Kopf: „Gerlinde Salzmann – die Salzfrau kocht!“

Nächster Gang: gebackener Zander mit Grilltomaten, feurig rotem Chilisalz und Rosmarinrösti ... Krapfen blau, mit jungen Möhrchen und Kartoffel-Sellerie-Püree, das Püree bestreut mit aquamarinblauem Salz. Danach wird sie ihre allerneueste Kreation auf den Tisch bringen, ein Sorbet aus Räucheraal und Wildkräutern, garniert mit Miesmuscheln und einem Topping aus Blattgold und grobem Meersalz – ausnahmsweise in reinem Weiß. Alle Welt schwärmte von Sorbet, Gerlinde hatte es erst gar nicht verstehen können, das war doch Eis, was sollte Eis in einem Menü, bis sie einen Eigenversuch gemacht hatte. Selbstverständlich war es ein salziges Sorbet. Gerlinde hält nichts von der Unart, Zucker zu verwenden. Ihr erstes Salzsorbet schmeckte ihr ganz vorzüglich, sie experimentierte mit verschiedenen Zutaten und entdeckte immer neue Sorbetvarianten. Heute also das Räucheraalsorbet. Es wird gerade in der Eismaschine auf den Punkt gefroren, die Maschine brummt leise vor sich hin. Gerlinde erhebt sich, ein wenig schwerfällig, schließlich ist sie schon seit fünf Uhr morgens auf den Beinen. Sie schaltet die Maschine aus und kostet eine Fingerspitze Räucheraalsorbet. Ja, es ist perfekt.

Das prickelnd kalte Sorbet räumt den Magen auf und schafft Platz für mehr. Das ist Gerlinde wichtig. Denn sie kocht gern, sie kocht gut, und sie kocht viel. Sie legt großen Wert darauf, dass keiner ihrer Gäste hungrig nach Hause gehen muss. Obwohl es auch nicht so schlimm ist, wenn etwas übrig bleibt. Das isst dann eben Gerlinde selbst auf. (Gerlinde ist, ganz nebenbei gesagt, manchmal ein klein wenig gefräßig). Hin und wieder warnt ihr Arzt, sie möge generell nicht so viel und vor allem nicht so viel Salz essen. 'Der Blutdruck, Frau Salzmann, der Blutdruck!' Doch Gerlinde lacht dann nur. 'Jaja', sagt sie, 'und beim Zucker? Was sagen Sie da, Herr Doktor? Und beim Ei? Und beim Fleisch? Wissen Sie, Herr Doktor, ich kann nicht ohne Salz. Und seit es Salz in so wunderbaren Farben gibt, kann ich überhaupt nicht mehr widerstehen!' -  'Hmm', macht der Arzt. 'Essen Sie viel Fisch, Frau Salzmann, das ist ein kleiner Ausgleich!' Gerlinde grinst in sich hinein. Was braucht sie mehr zum Glücklichsein, außer Fisch und Salz?

Gleich nach dem Sorbet geht es weiter: Wolfsbarsch in einer dicken Salzkruste, begleitet von grünen Bohnen und Knoblauchbaguette. Als kleines Extra hat sie sich eine violette Salz-Feigen-Mousse ausgedacht, die soll dem Wolfsbarsch den letzten Schliff geben. Ah, Gerlinde läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Auf der Anrichte steht ein Steingutfässchen, darin eingelegt sind fangfrische Matjesheringe. Gerlinde fischt einen heraus und verschlingt ihn gierig.

Sie sieht sich in der geräumigen Küche um und überlegt, was sie als Dessert zaubern kann. Nach dem Wolfsbarsch will sie noch Blätterteigpastetchen mit Haifischflossenragout kredenzen, den Tellerrand dekoriert mit Gänseblümchen und pinkfarbenem Salz, gewissermaßen als Abschluss der üppigen Fischgänge und als Überleitung zum Nachtisch. Doch sie sieht nicht ein, warum sie ein süßes Dessert anbieten soll. Dieses klebrige, pappige Süßzeug macht doch die ganzen vorherigen Geschmacksexplosionen zunichte. Da fällt ihr Blick auf ihr wohlgefülltes Salzregal. Das ist die Lösung! Mit den vielen leuchtenden Farbnuancen hat sie ungeahnte Möglichkeiten. Sie wird Biskuitböden mit leicht salzigem Einschlag backen, eine cremige Füllung aus Thunfisch und Sauerrahm herstellen, beides zu Petits Fours zusammensetzen und diese mit einem Guss aus geschlagenem Eiweiß und buntem Salz verzieren.

Es wird niemandem auffallen, dass die Petits Fours salzig statt süß sind. Denn keiner der Gäste wird bis zum Dessert durchhalten. Keiner, außer Gerlinde selbst. Denn Gerlinde Salzmann ist: eine meisterhafte Köchin. Eine Feinschmeckerin mit Fassungsvermögen und Profil. Eine Fischliebhaberin durch und durch. Keine Süße, sondern eine Salzige. Und eine glühende Verehrerin von buntem Salz!

Montag, 29. November 2010

Der kleine Schreibtisch erzählt – Der Einzug bei Lady Quinsley

Pfffff....also nochmal gaaaaanz langsam, ICH BIN EIN SCHREIBTISCH, deshalb wär's nett, wenn hier mal jemand was schreiben würde! 
(*besserwissermodusan* Das heißt Kommentar! *besserwissermodusaus*)

Aber anscheinend lesen wenigstens ein paar Leute hier mit ... und ich hab auch schon Sternchen unter meiner Geschichte gesehen, das freut mich sehr! Dankeschön! *knickserlmach*

Und deshalb erzähle ich auch weiter:


Der kleine Schreibtisch erzählt – Der Einzug bei Lady Quinsley

Ich hatte mich nicht getäuscht. Die Tür ging auf, und Lady Quinsley trat heraus. Hinter ihr erschien ein Mann mit weißen Haaren, die waren vorne ganz lang und hinten ganz kurz. Er sah sehr merkwürdig aus. Ich musste lachen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er strich sich die weißen Haare aus der Stirn, darunter hatte er graue Augen, eine gebogene Nase und ganz schmale Lippen. Der Mann lachte nicht, er sah aus, als ob er überhaupt nicht lachen konnte. Ich lachte dagegen umso mehr, als der Mann an Lady Quinsley vorbei ging und die Treppe herabstieg. Ich vermutete, er hätte ein Brett verschluckt, so gerade hielt er sich. Er blickte zu mir her, und ich war gleich wieder ganz still, nicht dass er noch dachte, ich würde ihn auslachen. Eine Hand hatte er hinter seinem Rücken versteckt, bei der anderen war ich mir nicht sicher, ob diese Hand ganz in Ordnung war. Die einzelnen Finger waren versteckt in einem weißen Stoff. Handschuhe, ja, ja, ich weiß es inzwischen! Damals wusste ich es eben noch nicht.

Mit einem dieser versteckten Finger deutete er aufgeregt hin und her. Er redete dazu furchtbar schnell. Die beiden Männer vom Ochsenkarren machten „hmm“ und „öh“ und „äh“. Der Weißhaarige redete immer lauter und immer schneller, dabei wurde sein Gesicht furchtbar rot. Dazu wippte er auf und ab, während er immer mehr mit der Hand in der Luft herumfuchtelte. Er sah aus, als würde er gleich umfallen, und ich befürchtete, das verschluckte Brett könnte den Aufprall nicht aushalten. Doch dann ging alles ganz schnell. Der Weißhaarige stolzierte die Treppe wieder hinauf und öffnete die Tür jetzt ganz. Es war eine sehr breite Tür, darüber war ich froh. Ich wollte in das Haus hinein und dabei keine Schrammen abbekommen. Sicher, ich war noch gut eingepackt, aber man wusste ja nie. Die Ochsenkarrenmänner packten mich jeder an einer Seite und hoben mich von der Ladefläche herunter. Dabei verrutschte meine Umhüllung, und ich konnte nichts mehr sehen. Ich bedauerte das ganz außerordentlich. Dennoch beschwerte ich mich nicht und hielt ganz still, während mich die beiden Männer auf dem Weg vor dem Haus abstellten. Neben mir hörte ich das Schnauben der Ochsen, dann ein platschendes Geräusch, so ähnlich wie in der Werkstatt, wenn der Geselle seinen Putzlappen in den Wassereimer warf.

Blind und dumm wie ich war, dachte ich mir nichts dabei, bis mir ein fürchterlicher Gestank in sämtliche Schubladen drang. „Öha“, hörte ich einen der Männer sagen, „auf geht's!“ Sie hoben mich wieder an und trugen mich die Treppe hinauf. Da hörte ich Lady Quinsleys liebliche Stimme, die jetzt gar nicht mehr so lieblich klang. „Den Dreck eurer Ochsen beseitigt ihr, auf der Stelle! Ochsendung vor meinem Haus, das dulde ich nicht!“ Aha. So war das also. Offenbar hatte sich einer der Ochsen auf dem Weg erleichtert, oder sogar beide. Deshalb roch es auch so fürchterlich. Ich war ja so froh, dass ich kein Ochse war und keine solchen Platschdinge machen musste!

Ich wurde durch die Tür getragen, wir bogen um eine scharfe Ecke, das spürte ich, weil ich leicht kippte. Dann ging es eine weitere Treppe hinauf. Oben wieder ein Stück geradeaus, noch um eine Ecke, bis ich abgesetzt wurde. „Ein Stückchen nach links“, hörte ich Lady Quinsley sagen, „nein, nicht so weit, wieder ein wenig nach rechts, genau zwischen die beiden Fenster!“
Die Ochsenkarrenmänner brummten und schoben mich hin und her, bis Lady Quinsley zufrieden war. Dann hörte ich sie mit ihren schweren Stiefeln davon trampeln.
„George!“, sagte Lady Quinsley. „Der Schreibtisch kann dann ausgepackt werden. Und wir wollen die Fenster öffnen, damit der Geruch abziehen kann. Er riecht ja schrecklich. Mary soll ihn gründlich putzen!“ Ich zuckte unter meiner Verpackung zusammen. Ich und schrecklich riechen? Das war nicht ich, was hier so roch! Das war der Geruch vom Ochsenplatsch, der noch in Lady Quinsleys Nase hing, genauso wie in meinen Schubladen! Ich war doch frisch poliert, mit Bienenwachs! Wie gern hätte ich ihr gesagt, dass ich nicht der stinkende Übeltäter war. „Sehr wohl, Mylady, sehr wohl“, antwortete die Stimme des Weißhaarigen. Jetzt sprach er langsamer, sodass ich ihn verstehen konnte. „Neuerwerbungen vom Land riechen oft etwas .... degoutant.“

Es tat mir so leid, dass ich nicht sprechen konnte. Sehen konnte ich auch immer noch nichts. Mein Geruchssinn war noch intakt. Leider, muss ich sagen. Jetzt, wo keine frische Luft und kein Wind mehr um mich herum waren, roch ich es auch. Es roch nicht nur nach Ochsenplatsch, nein, auch die Stoffe, in die ich eingepackt war, rochen nicht wirklich gut. Oh, ich schämte mich. Bestimmt hatte Lady Quinsley ein wunderschönes Zimmer, und darin stand jetzt ich, der kleine Stinker. George und Lady Quinsley besprachen weitere Dinge, die ich nicht richtig verstand, es sollte wohl noch mehr im Zimmer gemacht werden. Ich hörte Worte wie Kandelaber, er sollte geputzt und poliert werden, und Portiere, sie hing schlampig irgendwo herunter und musste neu befestigt werden. Es war auch die Rede von einer Chaiselongue (ich wusste lange Zeit nicht, wie man das schreibt), sie musste dringend neu bezogen werden und auch die Kissen waren nicht im rechten Zustand. Lady Quinsley bemängelte eins nach dem anderen, und George antwortete jedes Mal: „Sehr wohl, Mylady, sehr wohl“.

Ich schämte mich noch mehr, weil ich so dumm war und so viele Dinge nicht kannte. Dann verließen beide das Zimmer, und ich hörte nichts mehr. Nun war ich alleine. Mir war sehr warm in meiner Umhüllung, und der Geruch vom Ochsenplatsch wollte einfach nicht vergehen. Vielleicht war ein Spritzer auf meiner Verpackung gelandet, würde durch die Stoffe dringen, bis an mein poliertes Holz, ich würde immer so stinken, Lady Quinsley würde sehr unzufrieden mit mir sein und mich hinauswerfen lassen. Ich begann zu weinen, weil ich so allein und verlassen war und so schlecht roch und weil ich nichts sehen konnte und gar nichts mehr hörte und überhaupt.... Ich schluchzte leise vor mich hin, bis ich vor Erschöpfung einschlief.

Fortsetzung folgt!


Dienstag, 23. November 2010

Der kleine Schreibtisch erzählt - Meine ersten Lebenstage


Wollt ihr mehr von mir wissen? Ich berichte gerne. Vorab muss ich aber ankündigen, dass ich mich nunmehr des Öfteren meiner eigentlichen Sprache befleißigen werde. Keine Angst, ich schreibe nicht englisch (dort bin ich nämlich gebaut worden), aber ich möchte doch Abstand nehmen von dieser flapsigen Ausdrucksweise, verziert mit ;-))) und LOL und *kopfschüttel*, die sich in den letzten Jahren so sehr verbreitet hat.

Wenn ihr von mir und meinem ereignisreichen Leben lesen wollt, müsst ihr damit vorlieb nehmen, dass ich, zumindest was meine Erinnerungen an meine ersten hundert Lebensjahre betrifft, mich doch etwas gewählter ausdrücken will. Zu diesem Behufe nutze ich auch Wörter, die ihr vielleicht gar nicht mehr kennt. Es fällt mir einfach leichter, wenn ich schreiben kann, wie ich es aus meiner Kindheit gewohnt bin, und verbleibe euch inniglichst verbunden, wenn ihr meine „Memoiren“ trotzdem lest.



Das Licht der Welt erblickte ich an einem Tag im August 1811, genauer gesagt, am achten August. Das war ein Montag. Man beachte: Nächstes Jahr werde ich 200 (in Worten: zweihundert!) Jahre alt - das muss gefeiert werden! Zwar dauerte der eigentliche Prozess meiner Erschaffung über mehrere Wochen (wenn man einmal die Lagerungszeit des Holzes, aus dem ich gemacht bin, nicht mit einrechnet), am Sonnabend, dem 6. August, war ich fast fertig, doch fehlte noch eine letzte Politur. Erst nach dem Wochenende war es dann soweit. Der Geselle in der Schreinerei trug ein fein duftendes Bienenwachs auf meine Oberflächen auf und polierte, polierte, polierte, bis ich rundum in einem warmen Kastanienbraun blitzte und glänzte. Zu guter Letzt schraubte der Geselle Griffe an meine Schubladen, mir dünkte, sie wären aus purem Gold. Später erfuhr ich, dass die Griffe lediglich aus Messing waren, aber meiner damaligen Freude tat das keinen Abbruch.
Jetzt kam der Meister in die Werkstatt. Ich wurde persönlich begutachtet! Der Meister ging um mich herum, prüfte, ob alles richtig und sauber verarbeitet war, ob sich die Schubladen gut herausziehen ließen, ob ich genügend lange poliert worden war. Das war mir sehr recht, ich wollte ja nicht schmierig auf die Welt kommen. Es war alles aufs Beste gelungen, der Meister war sehr zufrieden und lobte den Gesellen.

Mein Geburtstag! Ich war stolz auf mein gutes Aussehen und sehr, sehr neugierig, was mich alles erwarten würde. Schließlich kannte ich nur die staubige Werkstatt, andere halbfertige Möbelstücke um mich herum und ganz viele Bretter. Aber auf Dauer war das langweilig. Nun sollte ich etwas Neues erleben! Der Meister und der Geselle trugen mich hinaus ins Freie, und mir verschlug es den Atem. Alles um mich herum war strahlend hell, es war wunderbar warm, nicht so stickig und heiß wie in der Werkstatt, sondern angenehm, mein Holz nahm die Sonnenstrahlen in sich auf, ich hätte mich am liebsten gedehnt und gestreckt. An der Werkstatt führte eine schmale Straße vorbei. Ich beugte mich ein wenig vor und blickte die Straße hinunter. Vom anderen Ende kam etwas Merkwürdiges auf mich zu, ein Gefährt mit Pferden davorgespannt. Vier schwarze, große Pferde sah ich. Ich erschrak ein wenig, jedoch der Meister legte beruhigend seine Hand auf meine Platte. „Sir Quinsley ist pünktlich!“, sagte er zum Gesellen. „Gehe er hinein und hole die Papiere!“

Der Geselle eilte von dannen, ich war die letzten Minuten mit meinem Meister alleine. Ich schaute wieder die Straße entlang und sah nun ein zweites Gefährt, das hinter dem mit den vier schönen schwarzen Pferden auftauchte. Dieses wurde von zwei Tieren gezogen, allerdings waren diese nicht so schön. Sie sahen fleckig aus, weiß und braun, wie schon lange nicht geputzt und poliert und sie hatten gebogene Hörner. Pferde kannte ich, der Meister besaß ein wunderschönes rotbraunes mit gelblichen langen Haaren am Hals und ebensolchen hintendran. Aber diese zwei fleckigen gehörnten, was sollten die denn sein? Ich würde es gleich erfahren.

„Sir Quinsley bringt den Ochsenkarren ja schon mit!“, rief der Meister aufgeregt. „Sicherlich hat er dann auch die vereinbarten drei Pfund Sterling dabei!“
Ich schüttelte verwirrt die Mittelschublade. So viele neue Dinge, so viele neue Wörter! Wie sollte ich das alles lernen, wie sollte ich mich in dieser Welt zurechtfinden? Was war ein Ochsenkarren? Ein Sir? Ein Quinsley? Ein Pfund?
Mir wurde himmelangst. In diesem Augenblick hielt das erste der beiden Gefährte vor der Werkstatt. Der Meister eilte hin und half zwei Menschen aus dem Gefährt.
„Welch bezaubernder Anblick, Lady Quinsley!“, sagte er zu einem der beiden Menschen, und half diesem von dem Gefährt herab. „Und die neue Kutsche, wirklich ein außergewöhnlich schönes Stück!“ Er reichte dem Menschen, der ein langes Kleid trug, die Hand, damit dieser über eine Trittstufe herunter steigen konnte. Das Kleid hatte die gleiche Farbe wie der Wein, den der Meister manchmal abends trank und war hinten viel zu lang, es hing im Straßenstaub, aber der Mensch darin beachtete dieses Missgeschick gar nicht. Er kam auf mich zu und blieb dicht vor mir stehen.

Ich schnupperte, dieser Mensch roch einzigartig gut. Noch nie hatte ich etwas so Himmlisches gerochen. Der Meister und der Geselle hingegen hatten nie so gut gerochen. Manchmal sogar etwas unangenehm. Nun, ich verstand es, in der Werkstatt wurde schwer gearbeitet, nicht immer konnte man lüften. Während meiner Herstellungszeit hatte ich mich nie beschwert, ich kannte ja nichts anderes. Aber dieser Duft jetzt – er brachte mich schier um den Verstand. Ich schob ganz unauffällig die beiden oberen Seitenschubladen ein winziges Stückchen vor und schnüffelte, so fest ich konnte, um möglichst viel von diesem herrlichen Duft einzuatmen. Eines stand fest: Der Mensch im langen dunkelroten Kleid konnte kein gewöhnlicher sein!

„Sehen Sie nur, Lady Quinsley, er ist genau rechtzeitig fertig geworden! Sind Euer Ladyschaft zufrieden?“,  fragte der Meister den Kleidermenschen, trat gleich darauf einen Schritt zurück und verbeugte sich. Inzwischen war auch der zweite Mensch aus der Kutsche ausgestiegen. Er schlug dem Meister kräftig auf die Schulter. „Meine Frau ist begeistert, das sehen Sie doch!“ Ah, Kleidermenschen hießen also Frau. Ich musste nur gut genug aufpassen, dann würde ich beständig dazulernen. So erging es mir die nächsten Tage, Wochen; Monate, ja mein ganzes Leben. Ich hörte aufmerksam zu und lernte. Lady Quinsley streichelte behutsam über meine linke Schublade (ich hatte sie ganz schnell wieder zugezogen) und berührte sanft den Griff. Und nun sprach sie zum ersten Mal.

„Oh Meister John, Sie haben ein wahres Schmuckstück geschaffen!“, sagte sie mit einer Stimme, die genauso war, wie Lady Quinsley roch. Lieblich, zauberhaft, himmlisch. Was für ein Glück ich hatte! Ich erinnerte mich, als letzte Woche ein Schrank bei Meister John fertig geworden war. Zwei ungehobelte, hässliche Männer hatten den Schrank mitgenommen. Ich dagegen...ich hatte Glück! Zu mir kam eine duftende, freundliche Frau!
Lady Quinsley wandte sich dem Mann zu, der mit ihr gekommen war. Immer noch spürte ich ihre Hand an meinem Griff. „David, David!“, rief sie, „ist er nicht prachtvoll?“ Ich nahm an, sie würde mich David nennen, ich war aufgeregt, durcheinander, hingerissen von Lady Quinsleys Stimme und Duft. Später sollte ich erfahren, dass Möbel im Allgemeinen keine Namen haben, erst in der heutigen Zeit werden sie getauft. Viele heißen Billy oder Benno oder ähnlich. Damals glaubte ich eben, David sei mein Name, und ich behielt ihn.

Meister John und Sir Quinsley regelten noch etliche Dinge untereinander. Sie unterzeichneten Papiere (auf meiner Oberfläche, das drückte mich ein wenig), dann wechselte ein Beutel den Besitzer. Der Geselle brachte weiche Wollstoffe, in die ich eingewickelt wurde, und grobes Leinen, das über die weichen Stoffe kam. Sorgfältig verschnürten mich Meister und Geselle. Zwei große, kräftige Männer, die mit dem Ochsenkarren gekommen waren, hoben mich auf die Ladefläche des Gespanns. Ich wurde an den Seitenstreben festgebunden.
Aus einer winzigen Stelle in meiner Umhüllung heraus konnte ich sehen, wie Sir und Lady Quinsley die Kutsche bestiegen. Ich atmete heftig und zappelte ein bisschen, weil ich gerne das Guckloch vergrößern wollte. Ich musste doch möglichst viel mitbekommen! Kutsche und Ochsenkarren fuhren los, erst ein Stück geradeaus, bis ein großer freier Platz kam. Dort wendeten wir und fuhren zurück. Ich bekam Angst. Sollte es bei dieser kurzen Fahrt bleiben? Ich wollte doch bei Lady Quinsley sein! Oder sollte ich vielleicht schon wieder abgeladen werden?

Meine Sorge war unbegründet. Zwar verlor ich die Kutsche aus den Augen, denn sie wurde schneller und schneller. Doch wir fuhren in die gleiche Richtung. Das Ochsengespann war eben viel langsamer. Ich begrüßte diesen Umstand, konnte ich doch auf diese Weise aus meiner Verpackung hinausblinzeln und die Welt um mich herum betrachten.
Ich sah unglaublich vieles! Saftige grüne Wiesen, hohe Bäume, deren Kronen sich im Sommerwind wiegten, Tiere, deren Namen ich alle noch nicht kannte, sogar Tiere hoch oben in der Luft. Ich war überrascht, dass keines davon herunter fiel!
Die Straße war holprig und ich wurde richtig durchgeschüttelt. Auch drang hin und wieder Straßenstaub durch die Stoffe hindurch. Aber ich beschwerte mich nicht, zu aufregend war dieser Tag!

Nach einiger Zeit hielten wir an, der Mann vorne am Gespann sprang herunter, zog eine Flasche aus seiner Jackentasche und trank einen kräftigen Schluck. Er nahm seine Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „So eine Hitze heute“, stöhnte er. Ja, da hatte er recht. Ich schwitzte auch, war ich doch zusätzlich noch warm eingepackt. Ich hoffte nur, dass ich nicht unangenehm müffeln würde, wenn ich wieder bei Lady Quinsley war. Das wäre mir sehr peinlich gewesen. Der Mann vom Kutschbock ging ein paar Schritte vom Gespann weg und stellte sich, mit dem Rücken zu mir, an einen Baum. Ich wollte lieber nicht wissen, was er da machte. Der andere, der ebenfalls mit dem Ochsenkarren gekommen war, saß neben mir auf der Ladefläche. Er hatte sich an meine Rückseite gelehnt und schnarchte leise. Kurz darauf ging die Fahrt weiter. Allmählich holperte und rumpelte es nicht mehr so schlimm. Auch sah ich immer mehr Häuser und immer mehr andere Gefährte, die unterwegs waren. Die Häuser wurden größer und höher, es waren unglaublich viele Kutschen, Karren und auch Menschen auf der Straße unterwegs. Ich schaute aufgeregt herum, ob ich irgendwo Lady Quinsley und ihre Kutsche mit den vier schwarzen Pferden sah, aber es war zuviel Gedränge und Trubel.

Auch viele kleine Menschen waren unterwegs. Manche wurden von großen Menschen in kleinen Karren herum geschoben, andere klammerten sich an die Hände der großen Menschen oder wurden getragen. Ich vermutete, dass diese auch noch sehr jung waren, so wie ich. Wir mussten bremsen, weil eine Kutsche mit sechs weißen Pferden uns fast gerammt hätte. Es rüttelte und schüttelte mich auf der Ladefläche heftig durch, der Mann neben mir erwachte. Er gähnte, sah sich um und rief: „Mann, wir sind ja schon in London!“

Worin waren wir? Ich verstand wieder einmal nichts. Wohnte hier vielleicht Lady Quinsley? Ich war ja so gespannt! Die Fahrt ging weiter, und kurze Zeit später waren wir am Ziel. Ich spähte noch einmal durch mein Guckloch und entdeckte ein Haus, wie ich auf der ganzen Fahrt noch keines gesehen hatte. Ich sah viele Fenster, Erker, Türmchen, Giebel, es war unglaublich! Das Haus war schneeweiß gestrichen, um die Fenster herum waren Verzierungen in Himmelblau. Vor dem Haus wuchsen viele Blumen in mehr Farben, als ich kannte. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Und vor genau diesem Haus hielten wir an!

Der Mann neben mir rappelte sich auf und sprang vom Ochsenkarren. Er ging eine breite Treppe hinauf, die zur Eingangstür führte, die Tür war mit einem Türklopfer aus dem gleichen Material versehen wie meine Griffe. Und ich wusste, das musste das Haus von Lady Quinsley sein. Hier wohnte sie, und hier würde nun auch ich wohnen.

Fortsetzung folgt!


Der kleine Schreibtisch erzählt

Viele, die am Schreibtisch sitzen,
suchen oft nach Geistesblitzen.
Doch auch die, an dem sie sitzen,
grübeln, denken oder schwitzen.

Nämlich Tische - die zum Schreiben -
können es recht munter treiben!
Fangen selbst an mit dem Schreiben,
lassen es dann nicht mehr bleiben!

So entstand diese Geschicht'
über einen Schreibtischwicht.
Sei's gereimt und als Gedicht
oder Prosa – mit Gewicht!

Die Vorgeschichte

Ein Schreibtisch zieht um, vom Württembergischen ins Bayerische. Nach dem Umzug schreibt er seinen Vorbesitzern diesen Brief:


Ja, da schaut ihr, liebe Geli, lieber Holger, wer euch hier schreibt, was?

Ich bin's nämlich, der kleine Schreibtisch. Nö, stimmt nicht so ganz, eigentlich bin ich ja schon soooo groß, aber jetzt, in dieser neuen Wohnung, komm ich mir ein bisschen klein vor. So viel Platz um mich herum, das bin ich noch nicht gewohnt!
Mann, war das aufregend am letzten Wochenende! Schon die Tage und Wochen vorher hab ich gespürt, irgendetwas in meinem Leben wird sich ändern. Erst waren da diese Leute im Keller, wo ich bisher gewohnt habe, und haben mich angeschaut und betatscht. Die Frau hat immer wieder gerufen: "Oh, ist der schön!" (Die hat MICH gemeint *ganzstolzbin*).
Dann bin ich einige Zeit später ausgemessen worden. Das war auch aufregend! Ihr beide habt dann überlegt, wie schnell ich aus eurem Keller verschwinden kann. Ihr habt schon meinen Nachfolger gekauft! Er heißt "Regal", keine Ahnung, wer das sein soll. Ich war ein bisschen traurig, dass ihr euch so leichten Herzens von mir trennt, aber dann hab ich mir gesagt, was soll's, dort, wo ich jetzt hinkomme, ist es bestimmt schön.

Und dann war der große Tag endlich da! Am Samstag kam der Mann, der mich vor einigen Wochen im Keller mit angeschaut hat, und ich bin ins Freie getragen worden. FRISCHLUFT! Ach, war das herrlich!!! Die Frau war nicht dabei. Aber ich hab's in meinem Innersten gespürt, dass sie auf mich wartet! Dann wurde ich in ein Auto verladen. Gehört mal wieder geputzt, die Kiste, hab ich mir gedacht, als ich mich umgesehen habe. Zeit genug hatte ich ja, wir sind erst am Abend losgefahren. Endlich kam die Abreise. Ich hab noch mit einem Schubladengriff aus dem Fenster winkewinke gemacht, aber ich glaub, ihr habt es nicht gesehen. 
Macht nix. Ich war schrecklich aufgeregt! Wir sind lange Zeit auf einer ganz breiten Straße gefahren. Dann waren wir endlich da. Und ich hab die Frau wieder gesehen! Sie ist ans Auto gekommen, hat mich angelächelt, gestreichelt und gesagt: "Da bist du ja endlich! Ach, bist du schön!" Dann hat sie den Mann geküsst, mich nicht ;- (((

Naja, man kann nicht alles haben. Ich durfte aber noch nicht gleich heraus aus dem Auto, nur meine Schubladen. Ich selbst musste noch eine ganze Nacht und einen ganzen Tag drinbleiben, bis jemand kam, der groß und stark war, und mich die Treppe hinauf getragen hat. Mit dem Mann zusammen. Am Sonntag vormittag machten wir noch einen kleinen Ausflug. Der Mann und die Frau haben mich mit in die Kirche genommen. Fast, hinein durfte ich nicht, ich musste im Auto warten. War aber nicht schlimm.

Am Abend war es endlich soweit, ich wurde die Treppe hinauf geschleppt, und hab endlich mein neues Zimmer gesehen. Schön ist es hier! Heute werden meine Schubladen alle geputzt und poliert, und dann bin ich wieder komplett. Falls es mich mal friert, liegt gleich neben mir auf der Couch eine schöne weiße Decke, die kann ich mir bestimmt schnappen und mich darin einwickeln. Mir gefällt es hier sehr gut. Die Frau kommt immer wieder mal zu mir her, streichelt mich, sagt mir, wie schön ich bin *naseganzhochtrag* und überlegt sich, was sie in welche Schubladen tun soll. Ich möchte euch sagen, dass ich euch zwar ein wenig vermisse, aber trotzdem sehr, sehr froh bin, dass ich jetzt hier leben darf. Bestimmt kommt ihr mich mal besuchen? Darauf freu ich mich schon! Ich wünsch euch noch eine schöne Woche und viel Spaß mit "Regal"!

Euer Schreibtisch

Der kleine Schreibtisch hat seit dem Umzug viele Sachen erlebt, lustige, traurige, spannende, aufregende. Hier wird er immer wieder mal davon erzählen. Wenn euch die Schreibtischgeschichte gefällt, dann würde sich David – so heißt er nämlich – sehr darüber freuen, wenn ihr ihm einen Kommentar hinterlasst!