Montag, 16. Juli 2012

Hier herrscht immer noch überwiegend Ruhe. Mir fehlt die Zeit - was ja grundsätzlich kein schlechtes Zeichen ist. Neu eingestellt habe ich jedoch die komplette "Gerlinde Salzmann kocht" - Geschichte, die bisher nur gekürzt vorhanden war. Demnächst folgt ein größerer Umbau. Die Erzählung rund um den "Kleinen Schreibtisch" wird von hier verschwinden, denn sowohl die Geschichte als auch der Schreibtisch sind gewachsen und haben sich zu einem fast fertigen Buch entwickelt. Die Erlebnisse des kleinen Schreibtischs gibt es nach den Schlusskorrekturen als eBook.

Andere Werke wachsen ebenfalls. In Arbeit sind zur Zeit: 

Kamishibai oder Neun Bilder des Glücks, ein Roman über die Lebensansicht: Es geschieht nichts ohne Grund und Weiße Lilien, eine bittersüße Liebesgeschichte.                                                                        

Montag, 11. April 2011

Nächtliche Nebenprodukte

Oft wird es sehr, sehr spät, wenn ich Auftragstexte schreibe. So wie neulich, als ich eine ganze Menge an österreichischen Skigebieten beschrieben habe. Wenn ich mit solchen Aufträgen fertig bin, muss ich mit dem Thema irgendwie abschließen, damit ich nicht die ganze Nacht davon träume. Après Ski und Liftanlagen drängen dann in eine  kreative Form, so wie hier ...

Nachmitternächtlich: "Zwoa Brettl'n, a g'führiger Schnee ..."

Das Notebook glüht...mein Hirn ist leer.
Schreiben mag ich heut gar nix mehr!
S'waren ungefähr 6.000 Worte
über diverse Skisport-Orte.

Nun will ich nur noch meine Ruh',
mir fallen gleich die Augen zu...

Ich träume sicher heute nacht
vom Carver, der herunter kracht
den Hang oder die Buckelpiste,
dann denke ich mir gleich: Na siehste,
wärst du am Babylift geblieben,
so wie ich es im Text geschrieben,
dann müsstest du nicht auf die Trage
sondern wärst noch in der Lage
beim Après Ski mit Jagatee
zu staunen über all den Schnee.

Höhenmeter, Liftanlagen,
war'n in den Texten echte Plagen.
Ich kann nun keinen Schnee mehr sehen
werd endlich in die Federn gehen.

Wer weiß, vielleicht schon morgen frühe
beginnt von neuem all die Mühe.
Der Kunde will noch Änderungen,
denn die hat er sich ausbedungen.

Ich hab vergessen zu erwähnen
all die Skihaserl, die schönen.
Was soll's, schreib ich sie noch hinein,
auf dass dann endlich Geld kommt rein.

Nun bleibt mir schließlich nur noch eins:
Ich halt es mit dem großen Heinz
Erhardt, der als Kommentator
des Skisports legte einst nen Spruch vor!
Ich mag ihn so gern hier auflisten:
"Tausende standen an den Hängen und Pisten."

Ein wenig plump und doch so wahr.
Denn eines, das ist sonderbar:
Wenn mein Skitext daneben ist,
dann fühle ich mich...angepisst...

Nun wünsch ich eine gute Nacht,
das Reimen hat noch Spaß gemacht.
Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen,
dann ist's nicht ganz umsonst gewesen!




Sonntag, 10. April 2011

Eine salzige Geschichte

Die folgende Geschichte war ein Beitrag zu einem Wettbewerb auf pagewizz. Ich hätte ein iPad gewinnen können, war leider nix. Spaß gemacht hat's trotzdem!

Gerlinde Salzmann kocht

Gerlinde ächzt und stöhnt, als sie den schweren gusseisernen Topf vom Herd zur Arbeitsplatte trägt. Sie lüpft den Deckel und sieht in den Topf hinein, schnuppert, ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem runden Gesicht aus. Mit einem Zipfel ihrer karierten Schürze wischt sie sich den Schweiß von der Stirn, blonde Löckchen kringeln sich feucht im Nacken. „Dem Himmel sei Dank, das wäre geschafft“, murmelt sie und legt den Deckel wieder auf. Sie greift nach der Kaffeekanne. Mit der gefüllten Tasse und einer dicken Scheibe vom noch warmen, überbackenen Krabbenbrot, frisch aus dem Ofen, lässt sie sich am Tisch nieder und beißt ein gewaltiges Stück ab. In Gedanken geht sie ihren Arbeitsplan für den Tag noch einmal durch. Bereits am Abend vorher hat sie Gräten, Flossen und Fischköpfe mit Wasser und Gewürzen aufgesetzt und das Ganze über Nacht leise köcheln lassen. Frühmorgens hat sie kleingeschnittenes Wurzelgemüse dazu gegeben und safrangelbes Salz. Der Fischfond ist ihr wunderbar gelungen, da ist sie ganz sicher. Er bildet die Grundlage für ihre berühmte Bouillabaisse.

Heute ist DER Tag des Jahres für sie, besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Heute ist Karfreitag, und Gerlinde kocht, schmort, dünstet, brät und grillt Fisch. Fisch in allen Variationen, die Bouillabaisse ist erst der Auftakt. Sie beißt noch einmal vom Krabbenbrot ab und spült mit einem Schluck Kaffee nach. Heute ist auch der Tag, an dem sie zum ersten Mal ihre Gäste mit buntem Salz überraschen wird. Sie hat es vor ein paar Wochen erst entdeckt. Beim Surfen im Internet stieß sie auf eine Webseite, die farbiges Salz zum Kochen und Garnieren anbot, Salz in verführerischen Farben, Salz in leuchtenden Tönen. Angeblich sollte man die Farben sogar schmecken können. Gerlinde war skeptisch, ob das stimmte, aber sie war auch neugierig. Gerlinde bestellte. Gerlinde probierte. Gerlinde schmeckte Farben – ja, es war kein Werbegag, es war und ist die Wahrheit! Und Gerlinde war und ist begeistert.

Nach der Fischsuppe wird sie einen Meeresfrüchtesalat servieren, angerichtet auf einem Bett aus grünen Spargelspitzen, gewürzt mit smaragdgrünem Salz. Dann eine Lasagne, gefüllt mit Lachs, Spinat und rosa Pfeffersalz ... Forelle Müllerin mit Petersilienkartoffeln und Bärlauchsoufflé, mit einem Hauch von zartgrünem Limonensalz ... Zeit für einen leichten Zwischengang, Hechtklößchen, aufgewertet mit silbergrauem Edelsalz aus der Normandie, mit Rote-Bete-Carpaccio (Gerlinde vermerkt im Geiste, dass das weinrote Salz zur Neige geht).

Gerlinde seufzt. Wie trostlos war die Zeit, als sie sich auf Speisesalz, Meersalz und Fleur de Sel beschränken musste! Jetzt, mit den vielen bunten Salzsorten, würde sie sich endlich ihren ersten Stern erkochen. Und dann vielleicht sogar im Fernsehen auftreten. Eine eigene Kochshow haben. Den Titel hatte sie schon im Kopf: „Gerlinde Salzmann – die Salzfrau kocht!“

Nächster Gang: gebackener Zander mit Grilltomaten, feurig rotem Chilisalz und Rosmarinrösti ... Krapfen blau, mit jungen Möhrchen und Kartoffel-Sellerie-Püree, das Püree bestreut mit aquamarinblauem Salz. Danach wird sie ihre allerneueste Kreation auf den Tisch bringen, ein Sorbet aus Räucheraal und Wildkräutern, garniert mit Miesmuscheln und einem Topping aus Blattgold und grobem Meersalz – ausnahmsweise in reinem Weiß. Alle Welt schwärmte von Sorbet, Gerlinde hatte es erst gar nicht verstehen können, das war doch Eis, was sollte Eis in einem Menü, bis sie einen Eigenversuch gemacht hatte. Selbstverständlich war es ein salziges Sorbet. Gerlinde hält nichts von der Unart, Zucker zu verwenden. Ihr erstes Salzsorbet schmeckte ihr ganz vorzüglich, sie experimentierte mit verschiedenen Zutaten und entdeckte immer neue Sorbetvarianten. Heute also das Räucheraalsorbet. Es wird gerade in der Eismaschine auf den Punkt gefroren, die Maschine brummt leise vor sich hin. Gerlinde erhebt sich, ein wenig schwerfällig, schließlich ist sie schon seit fünf Uhr morgens auf den Beinen. Sie schaltet die Maschine aus und kostet eine Fingerspitze Räucheraalsorbet. Ja, es ist perfekt.

Das prickelnd kalte Sorbet räumt den Magen auf und schafft Platz für mehr. Das ist Gerlinde wichtig. Denn sie kocht gern, sie kocht gut, und sie kocht viel. Sie legt großen Wert darauf, dass keiner ihrer Gäste hungrig nach Hause gehen muss. Obwohl es auch nicht so schlimm ist, wenn etwas übrig bleibt. Das isst dann eben Gerlinde selbst auf. (Gerlinde ist, ganz nebenbei gesagt, manchmal ein klein wenig gefräßig). Hin und wieder warnt ihr Arzt, sie möge generell nicht so viel und vor allem nicht so viel Salz essen. 'Der Blutdruck, Frau Salzmann, der Blutdruck!' Doch Gerlinde lacht dann nur. 'Jaja', sagt sie, 'und beim Zucker? Was sagen Sie da, Herr Doktor? Und beim Ei? Und beim Fleisch? Wissen Sie, Herr Doktor, ich kann nicht ohne Salz. Und seit es Salz in so wunderbaren Farben gibt, kann ich überhaupt nicht mehr widerstehen!' -  'Hmm', macht der Arzt. 'Essen Sie viel Fisch, Frau Salzmann, das ist ein kleiner Ausgleich!' Gerlinde grinst in sich hinein. Was braucht sie mehr zum Glücklichsein, außer Fisch und Salz?

Gleich nach dem Sorbet geht es weiter: Wolfsbarsch in einer dicken Salzkruste, begleitet von grünen Bohnen und Knoblauchbaguette. Als kleines Extra hat sie sich eine violette Salz-Feigen-Mousse ausgedacht, die soll dem Wolfsbarsch den letzten Schliff geben. Ah, Gerlinde läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Auf der Anrichte steht ein Steingutfässchen, darin eingelegt sind fangfrische Matjesheringe. Gerlinde fischt einen heraus und verschlingt ihn gierig.

Sie sieht sich in der geräumigen Küche um und überlegt, was sie als Dessert zaubern kann. Nach dem Wolfsbarsch will sie noch Blätterteigpastetchen mit Haifischflossenragout kredenzen, den Tellerrand dekoriert mit Gänseblümchen und pinkfarbenem Salz, gewissermaßen als Abschluss der üppigen Fischgänge und als Überleitung zum Nachtisch. Doch sie sieht nicht ein, warum sie ein süßes Dessert anbieten soll. Dieses klebrige, pappige Süßzeug macht doch die ganzen vorherigen Geschmacksexplosionen zunichte. Da fällt ihr Blick auf ihr wohlgefülltes Salzregal. Das ist die Lösung! Mit den vielen leuchtenden Farbnuancen hat sie ungeahnte Möglichkeiten. Sie wird Biskuitböden mit leicht salzigem Einschlag backen, eine cremige Füllung aus Thunfisch und Sauerrahm herstellen, beides zu Petits Fours zusammensetzen und diese mit einem Guss aus geschlagenem Eiweiß und buntem Salz verzieren.

Es wird niemandem auffallen, dass die Petits Fours salzig statt süß sind. Denn keiner der Gäste wird bis zum Dessert durchhalten. Keiner, außer Gerlinde selbst. Denn Gerlinde Salzmann ist: eine meisterhafte Köchin. Eine Feinschmeckerin mit Fassungsvermögen und Profil. Eine Fischliebhaberin durch und durch. Keine Süße, sondern eine Salzige. Und eine glühende Verehrerin von buntem Salz!

Samstag, 9. April 2011

Manchmal muss es einfach schnell gehen...

... und wenn's pressiert wie Sau, dann verschreib ich mich gerne.

Verschreiber der Woche: "beim Einlauf in der Online Parfümerie"; zum Glück noch rechtzeitig gemerkt, wär ja auch zu blöd, wenn ein potenzieller Kunde nach der Unterseite für Klistiere sucht.

Wenn's noch schneller gehen muss, spreche ich meine Texte statt sie zu schreiben. Dabei hilft mir der Drache von www.nuance.de. Allerdings ist er manchmal sehr eigenwillig. Naja, er schreibt halt das, was er versteht.
Gestern machte er - bei einem Text über Babystrumpfhosen -

aus "Babystrampler" >>> Baby Stammwähler

aus "Thermostrumpfhose" >>> Terror Strumpfhose

aus "Babys" >>> Biblis

und aus "in Rippen gestrickt" >>> Ingrid hingestreckt

Ich arbeite gern mit meinem Drachen, die unfreiwilligen Verschreiber bringen mich immer wieder zum Lachen. Ja, ich könnte ihn trainieren, er ist lernfähig und kann unbekannte Wörter in sein Programm aufnehmen. Aber ich lasse ihm zunächst ein bisschen Drachenfreiheit, er ist ja erst ein paar Wochen bei mir und noch ganz klein. Soll er sich doch langsam eingewöhnen, der Ernst des Lebens kommt noch früh genug.

Wiederbelebung

Entweder ich mach das Ding hier platt oder ich schreib was rein. Was mir fehlt, sind ungefähr zusätzliche 24 Stunden pro Tag, eine Haushaltshilfe, jemand, der den lästigen Papierkram macht, einen Klon, der für mich schläft und nebenbei Diät und Sport macht, und ab und zu ein Tritt in den...

Ich war total fleißig in den letzten Wochen, hab geschrieben, bis die Tastatur gequalmt hat, und Bloggie darüber fast vergessen.

Aber jetzt hole ich das Sauerstoffgerät vom Dachboden und beatme hier mal kräftig. Dazu noch eine Druckmassage - sieh da, es regen sich erste Lebenszeichen. Bloggie röchelt vor sich hin, blinzelt vorsichtig in die Welt ... ist da jemand? Aber ja! ICH! Ich füttere dich mit Buchstabensuppe, versprochen, du kriegst Wortsalat und Bloggschoggolade, bis es dir wieder gut geht!

Samstag, 22. Januar 2011

Das artet ja in Arbeit aus!

Genauso hab' ich mir das vorgestellt! Ich entscheide mich dafür, beruflich zu schreiben, und - ich
habe tatsächlich Arbeit. Und zwar im Augenblick mehr, als ich einfach so "mit links" bewältigen kann. Nun beschränkt sich das hochtrabende "ich schreibe beruflich" zwar noch auf Auftragsarbeiten, die den Titel Autorin noch lange nicht rechtfertigen. Aber immerhin. Es kommen Aufträge (viele) und es kommt Geld (wenig). Ob ich irgendwann davon (gut) leben kann? Das kann ich nicht voraussagen. Dann wäre ich ja auch Hellseherin und nicht Texterin. So heißt dieser Job nämlich. Das, was ich schreibe, nennt sich Content, also Inhalt. Inhalt für Blogs, für Webseiten. Inhalt in Form von Produktbeschreibungen und Werbetexten. Ob der Inhalt auch inhaltsreich ist, das sei mal dahingestellt...

Auf meinem Schreibtisch respektive Desktop häuft sich aktuell ein kunterbuntes Gemisch von Themen, die in den nächsten 48 Stunden in Worte umgewandelt werden müssen: Abwechslungsreich von A wie Allgemeine Hinweise zur Direktversicherungsnutzung bei Kindergeldbezug  bis Z wie Zahnriemenwechsel - so geht's schnell und einfach. Irgendwo in der Mitte tummeln sich noch so nette Vorgaben wie Kosmetik für Männer und Reizwäsche für die Frau. Zu gerne hätte ich hier Erfahrungsberichte, wer die größeren Erfolge einfahren kann: Der Kosmetik benutzende, vielleicht sogar geschminkte Männ oder die Reizwäsche tragende Frau. Obwohl, irgendwie kann ich's mir schon denken...

Auf der Strecke bleibt dabei fast das kreative Schreiben. Trotzdem bin ich da auch ein Stück weiter gekommen. Bei meiner Schreibtischgeschichte ist die nächste Fortsetzung fast fertig. Man beachte das "fast";-)).  Der kleine Schreibtisch wird von seiner ersten Nacht im Hause Quinsley berichten.

Samstag, 15. Januar 2011

Meine erste gedruckte Blume!

Vor ein paar Wochen habe ich für eine Kundin mehrere kurze Texte zum Thema "Vampire" verfasst. Nach Abgabe, Prüfung und Annahme hat sie mich darauf angesprochen, ob ich Lust hätte, eine Vampirgeschichte für eine Anthologie zu schreiben. Der Begriff Anthologie stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt "Sammlung von Blumen". Eine Anthologie enthält Erzählungen verschiedener Autoren bzw. eine themenbezogene Zusammenstellung aus literarischen, musikalischen oder grafischen Werken. Wir alle hatten schon mal eine Anthologie in der Hand, das gute alte Lesebuch ist nämlich nichts anderes.

Ich nahm die Herausforderung an und schrieb eine Vampirgeschichte. Vorgaben: eine Länge zwischen acht und fünfzehn Seiten, als Inspiration sollte die Musik von Muse oder deren Texte dienen, und nach Möglichkeit sollte man nichts Twilight-Ähnliches schreiben. Das war ein gewisses Risiko, denn ich habe keinen einzigen Biss-Roman gelesen, musste also darauf vertrauen, dass mir etwas Twilight-Unähnliches einfällt.

Ich habe gebrütet und gegrübelt, was ich denn schreiben könnte. Ideen tauchten auf und verschwanden wieder, Vampire und Menschen flatterten durch meine Gedanken, Entwürfe und Pläne wurden aufgeschrieben und verworfen. Aber allmählich nahm die Geschichte Gestalt an. Letztes Wochenende war es dann soweit: Ich schrieb das letzte Wort und schickte die Erzählung per E-Mail auf die Reise. Gespanntes Warten, dann: Die Geschichte ist angenommen und wird veröffentlicht, und zwar über Edition Worthexe.
Ich schätze mal, irgendwann im Frühjahr. Genau der richtige Zeitpunkt für meine erste gedruckte Blume!

Dass ich mich total darüber freue und seitdem ein winziges bisschen über dem Boden schwebe, brauche ich glaub ich nicht extra zu sagen...

Die Vampiraktion hat meine anderen privaten Schreibereien ein wenig ins Abseits gedrängt, deshalb ist der kleine Schreibtisch, obwohl eigentlich ausgelüftet, wieder mal stinkig. Naja, so ist das eben. Ein Schreibtischleben ist kein Wunschkonzert!

Freitag, 31. Dezember 2010

Guten Rutsch mit: Des kleinen Schreibtischs Schlittenfahrt



Der kleine Schreibtisch ist beschwipst,
denn heut' ist doch Silvestern!
Sein Schreibtischbein ist eingegipst,
und das passierte gestern.

Ja, gestern ist er ausgebüxt
aus seinem Wohnschlafzimmer.
Er dachte sich: "Verdammt, verflixt,
warum soll ich denn immer

alleine in der Stube hocken,
ich möchte was erleben!"
Und machte sich schnell auf die Socken,
hinaus ins raue Leben.

Niemand bemerkte seine Flucht,
er war allein zuhause.
Der Schreibtisch ließ nix unversucht,
er macht' die große Sause.

Es purzelte der kleine Tropf,
neugierig und putzmunter,
mit einer Mütze auf dem Kopf,
die steile Stiege runter.

Draußen lagen Eis und Schnee.
Der Schreibtisch guckte lange.
Das Weiß tat in den Augen weh,
und fast wurde ihm bange.

Beim ersten Schritt schon wär beinah'
am Eis er ausgeglitten.
Er blickte um sich, bis er sah:
Dort hinten steht ein Schlitten.

"Oh, ein Gefährt aus Buchenholz!
Da ist der Fall doch klar.
Auf geht die Fahrt, was bin ich stolz!
Den Berg hinunter, wunderbar!"

Er rodelte den Berg hinab.
Dem Schreibtisch wurde mau.
Er sauste rasend schnell bergab.
Dem Schreibtisch wurde flau.

Zu guter Letzt: ein schwerer Sturz.
Das Bein war ab, der Schreibtisch schrie,
und ihm entwich vor Schreck ein Furz,
er schrie noch mehr, und wie!

Bis endlich dann die Hilfe kam,
der Notarzt war zur Stelle.
Der sagte nur: "Nun bist du lahm,
und ich werde dir schnelle

das Bein mit Leim mal wieder kleben,
mit Gips es bandagieren.
Sei froh, du bist ja noch am Leben!
Doch wie ich seh, am Frieren!

Zurück ins Haus mit dir, du Schlingel!"
Der Notarzt schleppt' den Tisch zum Haus
und drückte heftig auf die Klingel.
"Lassen Sie den nicht wieder raus!

Das wird für ihn gefährlich.
Viel besser bleibt er brav zu Haus.
Denn, seien wir mal ehrlich:
Ein Schreibtisch, der gehört nicht raus!"

Für'n Schreibtisch gab's nun Tee mit Rum,
um ihn schnell warm zu machen.
Dazu viel liebes Drumherum
und andre feine Sachen. 

So trinkt er nun seit gestern
abwechselnd Rum mit Tee und Rum,
voll abgefüllt dann an Silvestern,
guckt fröhlich er im Raum herum. 

Zwar ist sein Beinchen eingegipst, 
jedoch: er hat kaum Schmerzen. 
Der kleine Schreibtisch wünscht beschwipst 
aus seinem tiefsten Herzen: 

Ein rundum gutes neues Jahr!
Auf, lasst die Korken knallen!
Auf dass es werde wunderbar,
drauf stoß ich an mit Allen!

Allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr!

Das Copyright für alle meine Gedichte liegt bei mir. Du kannst sie aber gerne privat verwenden.  


Montag, 27. Dezember 2010

Rückblicke - Der Erlebnisaufsatz und ich

In einem meiner früheren Beiträge ist zu lesen: „Ich habe immer schon gern geschrieben“. Das stimmt so nicht ganz. Es entfallen meine ersten sechs Lebensjahre, in denen ich noch gar nicht schreiben konnte. Aber dann...dann konnte ich lesen, dann lernte ich schreiben. Schulzeit. Nein, ich bin nicht immer gerne in die Schule gegangen, das jetzt hier zu behaupten, wäre schlichtweg gelogen. Ich hasste das frühe Aufstehen (damals genauso wie heute), und es gab einiges in der Schule, worauf ich liebend gern verzichtet hätte. Rechnen zum Beispiel. Oder Turnen. Aber es gab auch Fächer, die ich liebte. Eben das Fach, in dem man hauptsächlich las und schrieb. Zwar langweilte ich mich am Anfang manchmal (weil ich schon lesen konnte), aber das gab sich nach ein paar Wochen. Schreiben lernen begeisterte mich dagegen. Hingebungsvoll malte ich Buchstaben und träumte davon, selber Geschichten zu schreiben. Daran war in der ersten Klasse natürlich noch nicht zu denken, aber ich übte, ich übte ganz fleißig. Leider blieb damals meine Fähigkeit, mich auszudrücken, noch weit hinter meiner Phantasie zurück. Also schrieb ich die meisten Geschichten im Kopf. Und eines Tages war es in der Schule soweit: Wir schrieben Aufsätze. 

Der Aufsatz, von vielen meiner MitschülerInnen gefürchtet und verabscheut, wurde von mir innig geliebt. Themen wie „Meine letzten Ferien“ oder „Mein Haustier“ entfachten meine Fantasie und ließen Wörter aus mir heraussprudeln, oft schneller, als ich sie aufschreiben konnte. Der Aufsatz heißt Aufsatz, weil man erst etwas aufsetzen muss, einen Entwurf machen, eine Planung, eine Gliederung. Diese Vorgehensweise übernahm ich notgedrungen, weil meine Lehrerin sonst nicht zufrieden gewesen wäre. Aber immer wieder versuchte ich, diese Anweisung zu umgehen. Denn eigentlich lief es bei mir so ab:

Bekanntgabe des Themas: „Als ich mich einmal richtig gefürchtet habe“

Du meine Güte, einmal? Ich fürchtete mich doch ganz oft! Im Keller, vor Spinnen, wenn ich was angestellt hatte, vor der alten Frau aus dem dritten Stock, die immer so böse schaute, vor der spiegelglatt gebohnerten Treppe, die ich letzte Woche hinuntergefallen war, vor ... Es nahm kein Ende, es gab so vieles, worüber ich schreiben wollte!
Alle anderen in der Klasse saßen da, starrten auf ihr leeres Papier, einige malten sorgfältig die Worte Einleitung, Hauptteil, Schluss auf ihr Blatt. Andere kauten am Bleistift. Ich überlegte mir, dass die meisten über ähnliche Dinge schreiben würden wie ich. Vor dem Keller zum Beispiel hatten viele Angst. Im Keller lagerten Holz und Kohlen, es war dunkel, an der Decke hing eine einsame, funzlige Glühbirne, die nur ein trübes, schwaches Licht verbreitete. Im Keller hausten Spinnen. Fast niemand ging da gern hinunter. Ich wollte aber nicht einfach nur über einen dunklen Keller schreiben. Ich wollte auch nicht nur über eine große Spinne schreiben. Ich wollte eine richtige Geschichte schreiben.

An der Tafel stand das Thema, darunter: Drei Seiten. Drei Seiten! Auf diesem lächerlichen, groß linierten Papier! Ein Witz, was sollte ich mit drei Seiten? Vor mir lag ein Blatt, in der Mitte gefaltet, sodass es vier Seiten mit großen fetten Linien ergab, für die „Reinschrift“ und ein einzelnes, auf dem ich „aufsetzen“ sollte. Das ergab zusammen sechs Seiten. Wenn ich nicht dabei erwischt wurde, dass ich nicht aufsetzte, könnte ich sechs Seiten vollschreiben. Immer noch zu wenig, aber ich schrieb besonders eng. Ich setzte nicht auf, ich schrieb sofort los, und ich schrieb nicht mit Bleistift, sondern gleich mit dem Füller. Eine Reinschrift in 40 Minuten. Ich wusste schon vorher, wie es ausgehen würde, aber ich konnte nicht anders.

Aus dem Thema, meinen Gedanken und Ängsten und den sechs leeren Seiten bastelte ich eine wilde Geschichte. Das Thema änderte ich ab in: „Als ich mich einmal richtig gefürchtet habe und dabei fast gestorben wäre“.

In Kürze: Ich musste in den Keller, für den Ofen Holz holen, im Kellerabteil nebem unserem hörte ich die alte Frau, wie sie mit jemandem sprach, den ich nicht sehen konnte, es war zu finster. Ich packte schnell das Holz in den Korb und rannte wieder hinauf. Vor unserer Wohnungstür stellte ich den Korb ab, die alte Frau keuchte die Treppe herauf, in der Hand hielt sie ein kleines Stoffbündel, in dem etwas zappelte. Ich klingelte, klopfte, niemand machte auf. Die alte Frau lachte mich aus und griff mit ihrer knochigen Hand nach mir. Sie zerrte mich die Treppe hinauf, ein Stockwerk höher, in ihre Wohnung. Dort geschahen fürchterliche Dinge. Ich hatte noch drei leere Seiten, Mist, der Platz wurde schon wieder knapp. Immer hatte ich zu wenig Papier! Und zu wenig Zeit! In dem Zappelbündel war – was sonst – eine große Spinne, eine absolute Riesenspinne, und dann musste ich einen ganz schrecklichen Tee trinken, der bitter schmeckte. Mir wurde schwindlig, die Riesenspinne richtete sich auf ihren Hinterbeinen auf, die alte Frau lachte böse. Eine Seite noch, und die Stimme der Lehrerin: In fünf Minuten ist Schluss! Ich schrieb immer enger, nutzte den Raum zwischen den Zeilen auch noch aus, ich musste unbedingt noch unterbringen, wie die Spinne zur Teetasse krabbelte, und wie die alte Frau dann...und überhaupt, es fehlten noch jede Menge Details, die ich nachträglich einfügen wollte. In der Reinschrift durfte man vergessene Stellen mit * und *) ergänzen, ich war jetzt schon bei ****** und ******). So wenig Platz, so wenig Zeit, ich musste doch unbedingt noch...

ENDE. Neben mir stand meine Lehrerin und streckte die Hand aus. Ich sah sie bittend an, sie schüttelte den Kopf. „Du musst jetzt abgeben!“ Ich schob die Blätter zusammen, murmelte noch „ich bin aber noch nicht fertig“ und gab ab. Über das Ergebnis, die Note, die solche Werke erhielten, und über die schriftliche Bemerkung, die meine Lehrerin verfasste (auf einem Extrablatt, ich hatte ja keinen Platz übrig gelassen), breite ich jetzt mal diskret den Mantel des Schweigens...

Dienstag, 21. Dezember 2010

Drei Tage bis Weihnachten...

Drei Tage noch? Drei Tage nur!
Ich bin schon längst neben der Spur.
Muss noch soviel Päckchen packen
und gar noch einmal Plätzchen backen!

Die ersten sind schon aufgegessen,

ach, was red' ich, weggefressen
hat sie mir die Rasselbande,
welche Schande, welche Schande!

Also nochmal ran ans Blech,

an den Händen klebt wie Pech
Eigelb, Zucker, Mehl und Fett.
Das finde ich so gar nicht nett....

Lieber schnell zum Bäcker laufen

Standardfertigkekse kaufen,
Kipferl, Hörnchen und Makronen,
die den Einkauf halbwegs lohnen.

Dann mal ran an die Geschenke!

Ob ich auch an jeden denke?
Oder doch mal wen vergesse...
Nein! Denn schon aus Interesse,

ob sich der Beschenkte freut,

stricke, bastle, kauf' ich heut'
viele schöne Weihnachtssachen,
die bestimmt viel Freude machen.

Ist dem nicht so, hm, na dann

tauschen wir sie irgendwann
um gleich nach der Stillen Nacht.
Hauptsach', Weihnacht' Freude macht!


Das Copyright für alle meine Gedichte liegt bei mir. Du kannst sie aber gerne privat verwenden.  

Rückblicke – Hurra, sie kann lesen!


Wozu ein Blog, wenn ich nichts reinschreibe? Nun, die letzten Wochen war es einfach Zeitmangel. Um aber den guten Vorsatz, hier täglich zu schreiben, nicht bis auf den allgemeinen Tag der guten Vorsätze, den ersten Januar, zu schieben (und dann den Vorsatz doch nicht zu halten), gönne ich mir jetzt mal eine Pause vom Alltag und schaue ein wenig zurück, zurück in die Jahre, in denen ich lesen und schreiben lernte.


Schon als Kind faszinierte mich die Tatsache, dass schwarze Zeichen auf weißem Papier einen Menschen so fesseln konnten, dass ihm alles andere unwichtig war. Natürlich kannte und hatte ich Bilderbücher. Aber die wurden schnell langweilig, Bilder interessierten mich nicht so sehr. Und das bisschen Text, das konnte ich nach dreimal Vorlesen auswendig. Ich entdeckte in unserer Wohnung Bücher und Zeitungen, mit vielen, vielen schwarzen Zeichen. Diese schwarzen Zeichen erzählten spannende Geschichten, das stellte ich sehr schnell fest. Immer wieder bettelte ich: Was steht denn da, was heißt das, bitte lies es mir vor! Ich war begeistert, dass bedrucktes Papier soviel berichten konnte. In der Zeitung standen täglich schlaue Sachen: Wie das Wetter wird, was man einkaufen konnte, über Menschen, die Fußball spielten, über andere Menschen, die an mir unbekannten Orten irgend etwas machten, ich wollte alles wissen, was in der Zeitung stand. Bücher waren noch besser, darinnen befanden sich Märchen und Geschichten.Nur einen Haken hatte die Sache: Ich brauchte eben einen Vorleser. Geduldige und willige Opfer fand ich in meinem Großvater und meiner Uroma. Andere Familienmitglieder flüchteten oft, wenn ich ein Buch anschleppte...diese beiden Lieben aber lasen geduldig vor. An dieser Stelle: Ein riesengroßes Dankeschön! Leider konnten und wollten sie nicht unbegrenzt vorlesen, was ich als Kind gar nicht verstehen konnte. Es wurde Zeit, dass sich was änderte!

Den Prozess des Lesenlernens rang ich meinem Großvater ab. Mit den ersten erlernten Buchstaben formte ich nach und nach Wörter. Zuerst ganz kurze, Opa schrieb vor und ich fuhr mit dem Finger nach.
Schwere Kämpfe hatten wir mit au, ei, und eu, aber ich gab nicht auf. Andere Hürden tauchten auf, wir nahmen eine nach der anderen. Beständig war ich auf der Suche nach Lesbarem. Die alten Bilderbücher gaben nicht viel her, sie boten einfach viel zuwenig Stoff. Aber es gab Gegenstände im alltäglichen Leben, auf denen Buchstaben waren. Einer davon war die Kondensmilchdose. Und mein erstes langes Wort war: Bärenmarke.

Nachdem ich den Kampf mit den Buchstaben zum ersten Mal in meinem Leben gewonnen hatte, sich die schwarzen Zeichen zu Wörtern, die Wörter zu Sätzen und die Sätze zu einer Geschichte geformt hatten, ging ein Aufatmen durch die gesamte vorlesegeplagte Familie. Sie kann lesen!
Das hielt allerdings nicht lange vor, denn wir hatten nur die Rollen vertauscht. Bisher hieß es: Lies mir was vor, bitte! In dem Fall konnten sie bestimmen, wie lange die Lesestunde dauern sollte.
Aber nun verdrehten sie die Augen, wenn ich daherkam, mit einem Buch oder der Zeitung in der Hand, denn sie mussten stillsitzen und mir zuhören. Ich verstand die Welt nicht mehr. Für mich war es die größte aller Freuden gewesen, wenn mir jemand vorlas, warum nur freuten sie sich nicht auch? Sie brauchten doch nur da zu sein und mir zuzuhören! Diese Phase dauerte aber nur wenige Wochen, zum Glück für alle Beteiligten.

Denn bald entdeckte ich, dass es noch viel spannender war, leise und alleine zu lesen. Es ging auch viel schneller. Mein erstes selbstgelesenes Buch, damals war ich noch nicht ganz 6 Jahre alt, noch nicht in der Schule, hatte schätzungsweise 100 Seiten, Großdruck, und handelte von einem kleinen Mädchen und einem noch kleineren schwarzen Hund. Hoffentlich willst du jetzt nicht auch einen Hund haben, sagte meine Mama, wenn ich mich stundenlang ins Buch verkroch. Nein, ich wollte keinen Hund. Ich wollte mehr Bücher!
Nur diese Familie - der konnte ich einfach nichts recht machen. Sie fingen an, ihre Bücher vor mir zu verstecken. Dafür bist du noch zu klein, war nun die neue Devise. Ich las trotzdem alles, was ich in die Finger bekam. Und ein neuer Wunsch tauchte auf: Ich wollte schreiben.


Montag, 29. November 2010

Der kleine Schreibtisch erzählt – Der Einzug bei Lady Quinsley

Pfffff....also nochmal gaaaaanz langsam, ICH BIN EIN SCHREIBTISCH, deshalb wär's nett, wenn hier mal jemand was schreiben würde! 
(*besserwissermodusan* Das heißt Kommentar! *besserwissermodusaus*)

Aber anscheinend lesen wenigstens ein paar Leute hier mit ... und ich hab auch schon Sternchen unter meiner Geschichte gesehen, das freut mich sehr! Dankeschön! *knickserlmach*

Und deshalb erzähle ich auch weiter:


Der kleine Schreibtisch erzählt – Der Einzug bei Lady Quinsley

Ich hatte mich nicht getäuscht. Die Tür ging auf, und Lady Quinsley trat heraus. Hinter ihr erschien ein Mann mit weißen Haaren, die waren vorne ganz lang und hinten ganz kurz. Er sah sehr merkwürdig aus. Ich musste lachen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er strich sich die weißen Haare aus der Stirn, darunter hatte er graue Augen, eine gebogene Nase und ganz schmale Lippen. Der Mann lachte nicht, er sah aus, als ob er überhaupt nicht lachen konnte. Ich lachte dagegen umso mehr, als der Mann an Lady Quinsley vorbei ging und die Treppe herabstieg. Ich vermutete, er hätte ein Brett verschluckt, so gerade hielt er sich. Er blickte zu mir her, und ich war gleich wieder ganz still, nicht dass er noch dachte, ich würde ihn auslachen. Eine Hand hatte er hinter seinem Rücken versteckt, bei der anderen war ich mir nicht sicher, ob diese Hand ganz in Ordnung war. Die einzelnen Finger waren versteckt in einem weißen Stoff. Handschuhe, ja, ja, ich weiß es inzwischen! Damals wusste ich es eben noch nicht.

Mit einem dieser versteckten Finger deutete er aufgeregt hin und her. Er redete dazu furchtbar schnell. Die beiden Männer vom Ochsenkarren machten „hmm“ und „öh“ und „äh“. Der Weißhaarige redete immer lauter und immer schneller, dabei wurde sein Gesicht furchtbar rot. Dazu wippte er auf und ab, während er immer mehr mit der Hand in der Luft herumfuchtelte. Er sah aus, als würde er gleich umfallen, und ich befürchtete, das verschluckte Brett könnte den Aufprall nicht aushalten. Doch dann ging alles ganz schnell. Der Weißhaarige stolzierte die Treppe wieder hinauf und öffnete die Tür jetzt ganz. Es war eine sehr breite Tür, darüber war ich froh. Ich wollte in das Haus hinein und dabei keine Schrammen abbekommen. Sicher, ich war noch gut eingepackt, aber man wusste ja nie. Die Ochsenkarrenmänner packten mich jeder an einer Seite und hoben mich von der Ladefläche herunter. Dabei verrutschte meine Umhüllung, und ich konnte nichts mehr sehen. Ich bedauerte das ganz außerordentlich. Dennoch beschwerte ich mich nicht und hielt ganz still, während mich die beiden Männer auf dem Weg vor dem Haus abstellten. Neben mir hörte ich das Schnauben der Ochsen, dann ein platschendes Geräusch, so ähnlich wie in der Werkstatt, wenn der Geselle seinen Putzlappen in den Wassereimer warf.

Blind und dumm wie ich war, dachte ich mir nichts dabei, bis mir ein fürchterlicher Gestank in sämtliche Schubladen drang. „Öha“, hörte ich einen der Männer sagen, „auf geht's!“ Sie hoben mich wieder an und trugen mich die Treppe hinauf. Da hörte ich Lady Quinsleys liebliche Stimme, die jetzt gar nicht mehr so lieblich klang. „Den Dreck eurer Ochsen beseitigt ihr, auf der Stelle! Ochsendung vor meinem Haus, das dulde ich nicht!“ Aha. So war das also. Offenbar hatte sich einer der Ochsen auf dem Weg erleichtert, oder sogar beide. Deshalb roch es auch so fürchterlich. Ich war ja so froh, dass ich kein Ochse war und keine solchen Platschdinge machen musste!

Ich wurde durch die Tür getragen, wir bogen um eine scharfe Ecke, das spürte ich, weil ich leicht kippte. Dann ging es eine weitere Treppe hinauf. Oben wieder ein Stück geradeaus, noch um eine Ecke, bis ich abgesetzt wurde. „Ein Stückchen nach links“, hörte ich Lady Quinsley sagen, „nein, nicht so weit, wieder ein wenig nach rechts, genau zwischen die beiden Fenster!“
Die Ochsenkarrenmänner brummten und schoben mich hin und her, bis Lady Quinsley zufrieden war. Dann hörte ich sie mit ihren schweren Stiefeln davon trampeln.
„George!“, sagte Lady Quinsley. „Der Schreibtisch kann dann ausgepackt werden. Und wir wollen die Fenster öffnen, damit der Geruch abziehen kann. Er riecht ja schrecklich. Mary soll ihn gründlich putzen!“ Ich zuckte unter meiner Verpackung zusammen. Ich und schrecklich riechen? Das war nicht ich, was hier so roch! Das war der Geruch vom Ochsenplatsch, der noch in Lady Quinsleys Nase hing, genauso wie in meinen Schubladen! Ich war doch frisch poliert, mit Bienenwachs! Wie gern hätte ich ihr gesagt, dass ich nicht der stinkende Übeltäter war. „Sehr wohl, Mylady, sehr wohl“, antwortete die Stimme des Weißhaarigen. Jetzt sprach er langsamer, sodass ich ihn verstehen konnte. „Neuerwerbungen vom Land riechen oft etwas .... degoutant.“

Es tat mir so leid, dass ich nicht sprechen konnte. Sehen konnte ich auch immer noch nichts. Mein Geruchssinn war noch intakt. Leider, muss ich sagen. Jetzt, wo keine frische Luft und kein Wind mehr um mich herum waren, roch ich es auch. Es roch nicht nur nach Ochsenplatsch, nein, auch die Stoffe, in die ich eingepackt war, rochen nicht wirklich gut. Oh, ich schämte mich. Bestimmt hatte Lady Quinsley ein wunderschönes Zimmer, und darin stand jetzt ich, der kleine Stinker. George und Lady Quinsley besprachen weitere Dinge, die ich nicht richtig verstand, es sollte wohl noch mehr im Zimmer gemacht werden. Ich hörte Worte wie Kandelaber, er sollte geputzt und poliert werden, und Portiere, sie hing schlampig irgendwo herunter und musste neu befestigt werden. Es war auch die Rede von einer Chaiselongue (ich wusste lange Zeit nicht, wie man das schreibt), sie musste dringend neu bezogen werden und auch die Kissen waren nicht im rechten Zustand. Lady Quinsley bemängelte eins nach dem anderen, und George antwortete jedes Mal: „Sehr wohl, Mylady, sehr wohl“.

Ich schämte mich noch mehr, weil ich so dumm war und so viele Dinge nicht kannte. Dann verließen beide das Zimmer, und ich hörte nichts mehr. Nun war ich alleine. Mir war sehr warm in meiner Umhüllung, und der Geruch vom Ochsenplatsch wollte einfach nicht vergehen. Vielleicht war ein Spritzer auf meiner Verpackung gelandet, würde durch die Stoffe dringen, bis an mein poliertes Holz, ich würde immer so stinken, Lady Quinsley würde sehr unzufrieden mit mir sein und mich hinauswerfen lassen. Ich begann zu weinen, weil ich so allein und verlassen war und so schlecht roch und weil ich nichts sehen konnte und gar nichts mehr hörte und überhaupt.... Ich schluchzte leise vor mich hin, bis ich vor Erschöpfung einschlief.

Fortsetzung folgt!


Mittwoch, 24. November 2010

Der Groschenroman

...und weil gerade noch ein paar Minuten Zeit übrig sind, gleich noch'n Gedicht. Im "Groschenroman" geht's, wie der Name schon sagt, um das Schicksal eines Groschenromans. 

Du kaufst für ein paar Groschen
am Bahnhofskiosk nen Roman.
Offen steht dir dann die Gosch'n,
siehst du dir dessen Inhalt an.

Du hast gedacht, s'wär was zum Lesen!
Derweil steht da nur Kitsch zuhauf.
S'ist alles schon mal dagewesen,
das ist des Groschenheftchens Lauf.

Du liest von lodernder Ekstase
und denkst, herrje, was schreibt denn der?
Ergießt in schwülstiger Emphase
sich da der Autor, als wär' er

Herr über alle Dichterheere
ein Meister im geschrieb'nen Wort!
Dabei segelt er über Meere
aus Konvention nur immerfort.

Der Inhalt dich nur sacht berühret -
du orderst dir im Zug Kaffee.
Statt dass Erato dich verführet,
ist das doch alles alter Schnee.

Dergleichen lasest du schon gestern.
Auch hier nur wieder Hülsenworte!
Doch willst du jetzt nicht einfach lästern
wünschst den Roman an and're Orte.

Entsorg ihn gleich, ganz still und leise...
Und geh mit ihm aufs Zug-WC,
spül ihn hinweg bis auf die Gleise
und ruf ihm leise nach: Ade....

Das Copyright für alle meine Gedichte liegt bei mir. Du kannst sie aber gerne privat verwenden.  



Zur Pensionierung - so schwer kann Rentnerleben sein!

Ab und zu streue ich auch mal Gedichte rein, alte und neue, lustige und traurige, nachdenkliche und besinnliche. Als Auftakt eins zum Rentenbeginn, obwohl der ja bei mir noch in weiter Ferne liegt...


Du hast das langersehnte Ziel erreicht
und bist auf Ruhestand geeicht!
Ab morgen schläfst du lange aus,
denn Dich treibt nichts mehr aus dem Haus.

Genießt die Zeit in vollen Zügen,
wenn andre schuften, bleibst Du liegen,
bis Dich um neun der Hunger treibt,
vom Frühstück kaum was übrig bleibt.

Zu Mittag gehst Du in die Küche,
Dich locken herrliche Gerüche!
Was es gekocht, dein liebes Weib,
Dir schmeckt's, ein schöner Zeitvertreib.

Des Nachmittags, so gegen vier,
gelüstet's Dich nach einem Bier.
Da hörst Du die Gemahlin sagen:
Nix da, sonst werd' ich mich beklagen!

Wozu hab' ich gebacken Kuchen,
willst Du denn nicht ein Stück versuchen?
Aus einem Stückchen werden drei,
das ist jetzt auch schon einerlei.

Doch abends muss was Deftiges her,
Dein Bauch ist fast schon wieder leer.
Mit Schinken, Speck und Käsebrot
leidet Dein Magen keine Not.

Und Deine Liebste sagt: Schau, hier
kommt auch Dein Feierabendbier.
Dann noch ein Schnäpschen hinterdrein,
so schön kann Rentnerleben sein!

Du fällst ermattet auf die Couch,
Dein Magen ächzt voll Weh und Autsch.
Da bringt sie Wein, Chips und Salzletten.
Im Stillen denkst Du Dir: Ach, hätten

sie mich nicht einfach pensioniert,
dann wäre mir das nicht passiert!
Ich fühle mich nur noch gemästet,
auf Füllvermögen ausgetestet.

Du siehst den Zeiger an der Waage,
es wird allmählich eine Plage.
So fasst du also einen Plan
und fängst mit Nordic Walking an!

Das Copyright für alle meine Gedichte liegt bei mir. Du kannst sie aber gerne privat verwenden.  

Dienstag, 23. November 2010

Der kleine Schreibtisch erzählt - Meine ersten Lebenstage


Wollt ihr mehr von mir wissen? Ich berichte gerne. Vorab muss ich aber ankündigen, dass ich mich nunmehr des Öfteren meiner eigentlichen Sprache befleißigen werde. Keine Angst, ich schreibe nicht englisch (dort bin ich nämlich gebaut worden), aber ich möchte doch Abstand nehmen von dieser flapsigen Ausdrucksweise, verziert mit ;-))) und LOL und *kopfschüttel*, die sich in den letzten Jahren so sehr verbreitet hat.

Wenn ihr von mir und meinem ereignisreichen Leben lesen wollt, müsst ihr damit vorlieb nehmen, dass ich, zumindest was meine Erinnerungen an meine ersten hundert Lebensjahre betrifft, mich doch etwas gewählter ausdrücken will. Zu diesem Behufe nutze ich auch Wörter, die ihr vielleicht gar nicht mehr kennt. Es fällt mir einfach leichter, wenn ich schreiben kann, wie ich es aus meiner Kindheit gewohnt bin, und verbleibe euch inniglichst verbunden, wenn ihr meine „Memoiren“ trotzdem lest.



Das Licht der Welt erblickte ich an einem Tag im August 1811, genauer gesagt, am achten August. Das war ein Montag. Man beachte: Nächstes Jahr werde ich 200 (in Worten: zweihundert!) Jahre alt - das muss gefeiert werden! Zwar dauerte der eigentliche Prozess meiner Erschaffung über mehrere Wochen (wenn man einmal die Lagerungszeit des Holzes, aus dem ich gemacht bin, nicht mit einrechnet), am Sonnabend, dem 6. August, war ich fast fertig, doch fehlte noch eine letzte Politur. Erst nach dem Wochenende war es dann soweit. Der Geselle in der Schreinerei trug ein fein duftendes Bienenwachs auf meine Oberflächen auf und polierte, polierte, polierte, bis ich rundum in einem warmen Kastanienbraun blitzte und glänzte. Zu guter Letzt schraubte der Geselle Griffe an meine Schubladen, mir dünkte, sie wären aus purem Gold. Später erfuhr ich, dass die Griffe lediglich aus Messing waren, aber meiner damaligen Freude tat das keinen Abbruch.
Jetzt kam der Meister in die Werkstatt. Ich wurde persönlich begutachtet! Der Meister ging um mich herum, prüfte, ob alles richtig und sauber verarbeitet war, ob sich die Schubladen gut herausziehen ließen, ob ich genügend lange poliert worden war. Das war mir sehr recht, ich wollte ja nicht schmierig auf die Welt kommen. Es war alles aufs Beste gelungen, der Meister war sehr zufrieden und lobte den Gesellen.

Mein Geburtstag! Ich war stolz auf mein gutes Aussehen und sehr, sehr neugierig, was mich alles erwarten würde. Schließlich kannte ich nur die staubige Werkstatt, andere halbfertige Möbelstücke um mich herum und ganz viele Bretter. Aber auf Dauer war das langweilig. Nun sollte ich etwas Neues erleben! Der Meister und der Geselle trugen mich hinaus ins Freie, und mir verschlug es den Atem. Alles um mich herum war strahlend hell, es war wunderbar warm, nicht so stickig und heiß wie in der Werkstatt, sondern angenehm, mein Holz nahm die Sonnenstrahlen in sich auf, ich hätte mich am liebsten gedehnt und gestreckt. An der Werkstatt führte eine schmale Straße vorbei. Ich beugte mich ein wenig vor und blickte die Straße hinunter. Vom anderen Ende kam etwas Merkwürdiges auf mich zu, ein Gefährt mit Pferden davorgespannt. Vier schwarze, große Pferde sah ich. Ich erschrak ein wenig, jedoch der Meister legte beruhigend seine Hand auf meine Platte. „Sir Quinsley ist pünktlich!“, sagte er zum Gesellen. „Gehe er hinein und hole die Papiere!“

Der Geselle eilte von dannen, ich war die letzten Minuten mit meinem Meister alleine. Ich schaute wieder die Straße entlang und sah nun ein zweites Gefährt, das hinter dem mit den vier schönen schwarzen Pferden auftauchte. Dieses wurde von zwei Tieren gezogen, allerdings waren diese nicht so schön. Sie sahen fleckig aus, weiß und braun, wie schon lange nicht geputzt und poliert und sie hatten gebogene Hörner. Pferde kannte ich, der Meister besaß ein wunderschönes rotbraunes mit gelblichen langen Haaren am Hals und ebensolchen hintendran. Aber diese zwei fleckigen gehörnten, was sollten die denn sein? Ich würde es gleich erfahren.

Sir Quinsley bringt den Ochsenkarren ja schon mit!“, rief der Meister aufgeregt. „Sicherlich hat er dann auch die vereinbarten drei Pfund Sterling dabei!“
Ich schüttelte verwirrt die Mittelschublade. So viele neue Dinge, so viele neue Wörter! Wie sollte ich das alles lernen, wie sollte ich mich in dieser Welt zurechtfinden? Was war ein Ochsenkarren? Ein Sir? Ein Quinsley? Ein Pfund?
Mir wurde himmelangst. In diesem Augenblick hielt das erste der beiden Gefährte vor der Werkstatt. Der Meister eilte hin und half zwei Menschen aus dem Gefährt.
Welch bezaubernder Anblick, Lady Quinsley!“, sagte er zu einem der beiden Menschen, und half diesem von dem Gefährt herab. „Und die neue Kutsche, wirklich ein außergewöhnlich schönes Stück!“ Er reichte dem Menschen, der ein langes Kleid trug, die Hand, damit dieser über eine Trittstufe herunter steigen konnte. Das Kleid hatte die gleiche Farbe wie der Wein, den der Meister manchmal abends trank und war hinten viel zu lang, es hing im Straßenstaub, aber der Mensch darin beachtete dieses Missgeschick gar nicht. Er kam auf mich zu und blieb dicht vor mir stehen.

Ich schnupperte, dieser Mensch roch einzigartig gut. Noch nie hatte ich etwas so Himmlisches gerochen. Der Meister und der Geselle hingegen hatten nie so gut gerochen. Manchmal sogar etwas unangenehm. Nun, ich verstand es, in der Werkstatt wurde schwer gearbeitet, nicht immer konnte man lüften. Während meiner Herstellungszeit hatte ich mich nie beschwert, ich kannte ja nichts anderes. Aber dieser Duft jetzt – er brachte mich schier um den Verstand. Ich schob ganz unauffällig die beiden oberen Seitenschubladen ein winziges Stückchen vor und schnüffelte, so fest ich konnte, um möglichst viel von diesem herrlichen Duft einzuatmen. Eines stand fest: Der Mensch im langen dunkelroten Kleid konnte kein gewöhnlicher sein!

Sehen Sie nur, Lady Quinsley, er ist genau rechtzeitig fertig geworden! Sind Euer Ladyschaft zufrieden?“,  fragte der Meister den Kleidermenschen, trat gleich darauf einen Schritt zurück und verbeugte sich. Inzwischen war auch der zweite Mensch aus der Kutsche ausgestiegen. Er schlug dem Meister kräftig auf die Schulter. „Meine Frau ist begeistert, das sehen Sie doch!“ Ah, Kleidermenschen hießen also Frau. Ich musste nur gut genug aufpassen, dann würde ich beständig dazulernen. So erging es mir die nächsten Tage, Wochen; Monate, ja mein ganzes Leben. Ich hörte aufmerksam zu und lernte. Lady Quinsley streichelte behutsam über meine linke Schublade (ich hatte sie ganz schnell wieder zugezogen) und berührte sanft den Griff. Und nun sprach sie zum ersten Mal.

Oh Meister John, Sie haben ein wahres Schmuckstück geschaffen!“, sagte sie mit einer Stimme, die genauso war, wie Lady Quinsley roch. Lieblich, zauberhaft, himmlisch. Was für ein Glück ich hatte! Ich erinnerte mich, als letzte Woche ein Schrank bei Meister John fertig geworden war. Zwei ungehobelte, hässliche Männer hatten den Schrank mitgenommen. Ich dagegen...ich hatte Glück! Zu mir kam eine duftende, freundliche Frau!
Lady Quinsley wandte sich dem Mann zu, der mit ihr gekommen war. Immer noch spürte ich ihre Hand an meinem Griff. „David, David!“, rief sie, „ist er nicht prachtvoll?“ Ich nahm an, sie würde mich David nennen, ich war aufgeregt, durcheinander, hingerissen von Lady Quinsleys Stimme und Duft. Später sollte ich erfahren, dass Möbel im Allgemeinen keine Namen haben, erst in der heutigen Zeit werden sie getauft. Viele heißen Billy oder Benno oder ähnlich. Damals glaubte ich eben, David sei mein Name, und ich behielt ihn.

Meister John und Sir Quinsley regelten noch etliche Dinge untereinander. Sie unterzeichneten Papiere (auf meiner Oberfläche, das drückte mich ein wenig), dann wechselte ein Beutel den Besitzer. Der Geselle brachte weiche Wollstoffe, in die ich eingewickelt wurde, und grobes Leinen, das über die weichen Stoffe kam. Sorgfältig verschnürten mich Meister und Geselle. Zwei große, kräftige Männer, die mit dem Ochsenkarren gekommen waren, hoben mich auf die Ladefläche des Gespanns. Ich wurde an den Seitenstreben festgebunden.
Aus einer winzigen Stelle in meiner Umhüllung heraus konnte ich sehen, wie Sir und Lady Quinsley die Kutsche bestiegen. Ich atmete heftig und zappelte ein bisschen, weil ich gerne das Guckloch vergrößern wollte. Ich musste doch möglichst viel mitbekommen! Kutsche und Ochsenkarren fuhren los, erst ein Stück geradeaus, bis ein großer freier Platz kam. Dort wendeten wir und fuhren zurück. Ich bekam Angst. Sollte es bei dieser kurzen Fahrt bleiben? Ich wollte doch bei Lady Quinsley sein! Oder sollte ich vielleicht schon wieder abgeladen werden?

Meine Sorge war unbegründet. Zwar verlor ich die Kutsche aus den Augen, denn sie wurde schneller und schneller. Doch wir fuhren in die gleiche Richtung. Das Ochsengespann war eben viel langsamer. Ich begrüßte diesen Umstand, konnte ich doch auf diese Weise aus meiner Verpackung hinausblinzeln und die Welt um mich herum betrachten.
Ich sah unglaublich vieles! Saftige grüne Wiesen, hohe Bäume, deren Kronen sich im Sommerwind wiegten, Tiere, deren Namen ich alle noch nicht kannte, sogar Tiere hoch oben in der Luft. Ich war überrascht, dass keines davon herunter fiel!
Die Straße war holprig und ich wurde richtig durchgeschüttelt. Auch drang hin und wieder Straßenstaub durch die Stoffe hindurch. Aber ich beschwerte mich nicht, zu aufregend war dieser Tag!

Nach einiger Zeit hielten wir an, der Mann vorne am Gespann sprang herunter, zog eine Flasche aus seiner Jackentasche und trank einen kräftigen Schluck. Er nahm seine Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „So eine Hitze heute“, stöhnte er. Ja, da hatte er recht. Ich schwitzte auch, war ich doch zusätzlich noch warm eingepackt. Ich hoffte nur, dass ich nicht unangenehm müffeln würde, wenn ich wieder bei Lady Quinsley war. Das wäre mir sehr peinlich gewesen. Der Mann vom Kutschbock ging ein paar Schritte vom Gespann weg und stellte sich, mit dem Rücken zu mir, an einen Baum. Ich wollte lieber nicht wissen, was er da machte. Der andere, der ebenfalls mit dem Ochsenkarren gekommen war, saß neben mir auf der Ladefläche. Er hatte sich an meine Rückseite gelehnt und schnarchte leise. Kurz darauf ging die Fahrt weiter. Allmählich holperte und rumpelte es nicht mehr so schlimm. Auch sah ich immer mehr Häuser und immer mehr andere Gefährte, die unterwegs waren. Die Häuser wurden größer und höher, es waren unglaublich viele Kutschen, Karren und auch Menschen auf der Straße unterwegs. Ich schaute aufgeregt herum, ob ich irgendwo Lady Quinsley und ihre Kutsche mit den vier schwarzen Pferden sah, aber es war zuviel Gedränge und Trubel.

Auch viele kleine Menschen waren unterwegs. Manche wurden von großen Menschen in kleinen Karren herum geschoben, andere klammerten sich an die Hände der großen Menschen oder wurden getragen. Ich vermutete, dass diese auch noch sehr jung waren, so wie ich. Wir mussten bremsen, weil eine Kutsche mit sechs weißen Pferden uns fast gerammt hätte. Es rüttelte und schüttelte mich auf der Ladefläche heftig durch, der Mann neben mir erwachte. Er gähnte, sah sich um und rief: „Mann, wir sind ja schon in London!“

Worin waren wir? Ich verstand wieder einmal nichts. Wohnte hier vielleicht Lady Quinsley? Ich war ja so gespannt! Die Fahrt ging weiter, und kurze Zeit später waren wir am Ziel. Ich spähte noch einmal durch mein Guckloch und entdeckte ein Haus, wie ich auf der ganzen Fahrt noch keines gesehen hatte. Ich sah viele Fenster, Erker, Türmchen, Giebel, es war unglaublich! Das Haus war schneeweiß gestrichen, um die Fenster herum waren Verzierungen in Himmelblau. Vor dem Haus wuchsen viele Blumen in mehr Farben, als ich kannte. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Und vor genau diesem Haus hielten wir an!

Der Mann neben mir rappelte sich auf und sprang vom Ochsenkarren. Er ging eine breite Treppe hinauf, die zur Eingangstür führte, die Tür war mit einem Türklopfer aus dem gleichen Material versehen wie meine Griffe. Und ich wusste, das musste das Haus von Lady Quinsley sein. Hier wohnte sie, und hier würde nun auch ich wohnen.

Fortsetzung folgt!